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Jahresbericht 2000

Liebe Freunde und Förderer,
der Jahresbericht 2000 kommt spät. Dafür muss ich mich entschuldigen! Wir haben vor fast einem Jahr ein altes Haus gekauft und renovieren ohne Ende! Darum auch die neue Adresse. Die Kontonummer ist die alte geblieben.
Wer vom letzten Jahr keine Spendenquittung erhalten hat, muss sich bei mir melden. Die Gemeinde Norf-Nievenheim hat Anfang Januar von mir einen Spendenüberblick 2000 erhalten. Es kann sein, dass ich es versäumt habe, die eine oder andere Adresse korrekt zu notieren.
Auf meinem Spendenkonto sind im letzten Jahr 31.270,78 DM eingegangen. Bei diesen Spenden sind die Spenden, die direkt an die Gemeinde in Norf gehen, nicht mit eingerechnet.
Ich möchte mich im Namen von PROAME ganz herzlich für diese treue Unterstützung bedanken. Unsere Spenden tragen entscheidend die Arbeit mit. Ohne sie könnte PROAME das Angebot nicht aufrecht erhalten.

Im April 2000 bin ich (auf eigene Kosten!) nach Sao Leopoldo geflogen, um mich wieder in die Arbeit einzudenken, da ich im September 2000 zu einem internationalen Kongress zur Friedenserziehung von Kindern nach Genf eingeladen worden bin. Dort sollte ich zusammen mit Suzana Friederich, der Leiterin der Arbeitsgruppe von PROAME, das Projekt vorstellen.
Die Arbeit von PROAME verändert sich stets ein wenig. Nach wie vor wird in den zwei Stadtteilen (São Jorge und Feitoria), sowie im "Zentrum zur Verteidigung der Rechte von Kindern und Jugendlichen" im Stadtzentrum weitergearbeitet.
Eine immer wichtigere Rolle spielt das Programm "Zurück nach Hause" von PROAME, das Straßenkinder

  1. wieder an ihre Familien annähert,
  2. ihnen eine schulische Ausbildung ermöglicht und
  3. ihnen Einblick in die Arbeitswelt ermöglicht.
Dieses Programm ist so gut ausgearbeitet, dass die Regierung vom Bundesstaat Rio Grande do Sul dabei ist, es für den ganzen Bundesstaat zu übernehmen.
Für diese Programm hatte PROAME bereits vor 2 Jahren von der Unicef und der Bank Itaú eine Auszeichnung erhalten und gehört nun zu den 10 besten Programme für Straßenkinder in Brasilien.
Außerdem erhielt das Programm von der nationalen Vereinigung der Spielzeughersteller Brasiliens "Abrinque" eine Anerkennungsmarke. Durch die Anerkennung von Abrinque wurde PROAME in ein Netz von Zahnarztpraxen aufgenommen.
Zahnärzte die diesem Netz angehören, erklären sich bereit, mindestens ein Straßenkind bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres kostenlos zu behandeln. In São Leopoldo beteiligen sich 20 Zahnärzte an diesem Programm und behandeln Kinder, die von PROAME betreut werden.

Nun zurück zu dem Programm "Zurück nach Hause" von PROAME:

1. Annäherung der Straßenkinder an ihre Familien

Auf der Straße wird Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufgenommen und eine Beziehung zu ihnen aufgebaut. Es werden Statistiken erstellt, wie alt die Kinder sind, warum sie von zu Hause weggelaufen sind, was sie den ganzen Tag auf der Straße treiben, seit wann sie dort sind, ob sie noch zu Hause schlafen oder ausschließlich auf der Straße, womit sie sich Geld verdienen, ob sie drogenabhängig sind. Auf diese Weise wurden 125 Kinder innerhalb drei Monaten auf der Straße interviewt.
Dann wird entschieden, in welches der Programme die Kinder am besten einzuordnen sind.
Mit Psychologin und SozialarbeiterInnen wird zwischen Kind und Eltern vermittelt. Die Beziehung zwischen ihnen wird wieder gestärkt, sodass das Kind nach zu Hause zurückkehren kann.

2. Ermöglichung einer schulischen Ausbildung

Die Sozialarbeiter nehmen Kontakt mit einer Schule auf, melden das Kind dort an und besuchen regelmäßig die Schule, um sich mit LehrerInnen über die Entwicklung des Kindes in der Schule auszutauschen und um zwischen Elternhaus und Schule eine Beziehung aufzubauen.
Die Schüler erhalten von PROME Hausaufgabenhilfe.
Die Kinder müssen sich verpflichten, ihre Arbeit auf der Straße niederzulegen.
Mit Eltern und Kind wird regelmäßig über die Wichtigkeit einer schulischen Ausbildung und über Probleme in der Familie gesprochen. Die Eltern erhalten ein halbes Mindestgehalt (ca 75 Dollar), um das Kind finanzieren zu können.
Die Sozialarbeiter arbeiten mit weiteren öffentlichen und industriellen Einrichtungen zusammen:

3. Einblick in die Arbeitswelt

PROAME unterhält Kontakt mit der Industrie, den Banken, dem Militär, um den Kindern in der freien Hälfte des Tages ein Berufspraktikum und sportliche Betätigung zu ermöglichen.
Bei der Militärbrigade z.B. können sich die Kinder an 3 Tagen in der Woche sportlich betätigen. An 2 Tagen in der Woche werden sie ausgebildet in verschiedenen Bereichen wie:


In den Banken lernen sie einfache Vorgänge selbst zu bearbeiten, machen Botendienste, um Post herumzutragen.

Ein besonderes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Stihl - Motorsägen. Stihl hat in Sao Leopoldo ein Werk mit ca 750 Mitarbeitern. Die Firmenleitung hat eine Sozialarbeiterin eingestellt, die durch Kontakt zu Familien von Firmenmitgliedern das soziale Umfeld dieser Familien kennen gelernt hat, das zum Teil von Alkoholismus und Gewalt geprägt ist. Die Firma hat sich entschlossen, hilfebedürftigen Kindern und Jugendlichen zu helfen.
Auf der Suche nach einem Projekt, das schriftlich Ziele und Arbeitsweisen mit Kindern und Familien festgehalten hat, stieß die Firma auf PROAME.
Zusammen mit PROAME hat Stihl ein Umwelt-Programm "AFAR" ausgearbeitet zur Förderung von Jugendlichen. Die Kinder, die an diesem Programm teilnehmen, gehen einen halben Tag in die Schule. Am anderen Teil des Tages produzieren Jugendliche ein halbes Jahr lang Briefumschläge und -papier, Mappen und kunsthandwerkliche Gegenstände aus Papierresten und alten Zeitungen.
In der zweiten Jahreshälfte leisten die Jugendlichen ein Berufspraktikum, durchlaufen vom Büro bis zur Produktion verschiedene Abteilungen.

Meine Aufzeichnungen zeigen, dass die Betreuung eines jeden Kindes/Jugendlichen sehr zeitaufwändig ist und dass diese Arbeit auch von fachlich qualifizierten Sozialarbeitern, -arbeiterinnen und Psychologen/Psychologinnen unterstützt werden muss, um Erfolg versprechend zu sein.
Der Erfolg spricht für sich. Das frühzeitige Verlassen der Schule verringerte sich bei den Teilnehmern/-nehmerinnen des Programms "Zurück nach Hause" von 55% auf 10%, die Versetzungsrate stieg von 45% auf 80% und 95% der Kinder und Jugendlichen kehrten nicht zurück auf die Straße, um dort zu arbeiten.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch von dem internationalen Kongress zur Friedenserziehung in Genf vom 4. - 8. September 2000 berichten. Dieser Kongress, der die Zukunft unserer Kinder zum Thema hatte, wurde von der Unesco unterstützt und versammelte mehr als 200 Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen in der Universität von Genf. Ziel war der Austausch von Erfahrungen und die Einleitung von Schritten für die weltweite Kinder- und Jugendpolitik.
Leider hat keine Einrichtung aus Afrika an dem Kongress teilnehmen können. Allen ist das Visum für die Schweiz in letzter Minute verwehrt worden. Vertreter aus Russland, Thailand, Bangladesch und China staunten vor allem über die vorgestellten Projekte aus Lateinamerika.
Das Programm bestand täglich aus zwei Teilen. Am Morgen wurden Vorträge gehalten mit anschließender Plenumsdiskussion. Am Nachmittag stellten die eingeladenen Einrichtungen ihre Arbeit in sechs Seminarräumen parallel vor. In der Mittagspause und am Abend wurden die Ergebnisse des Kongresses zusammengefasst, um sie den entsprechenden Gremien der UNO weiterzuleiten.
Rubens Recúpero, Leiter der brasilianischen Kommission für Menschenrechte bei der UNO, leitete diese Ergebnissicherung. Er betonte, dass die wichtigste Aufgabe darin bestehe, die Armut weltweit zu bekämpfen. 58 Länder der Dritten Welt haben ein tägliches Prokopfeinkommen von 1 bis 2 Dollar.
Janet Nelson, offizielle Vertreterin der Unicef beim Kongress, hob die Wichtigkeit hervor, in die Bildung von frühster Kindheit an zu investieren.
Ervin Laszlo, Gründer und Präsident des "Club von Budapest" zeigte in einem beeindruckenden Vortrag auf, dass zu keiner anderen Zeit der Geschichte unserer Erdkugel die Globalisierung so rasant vorwärts gegangen ist wie im Augenblick. Wenn wir es nicht fertig bringen, alle Länder in diese Entwicklung einzubeziehen, wird bald über die Hälfte der Menschheit unwiderruflich abgehängt sein.

Ellen Dobberahn

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