Die Medizin weist in ein neues Zeitalter. Durch die Gentechnik und Gentherapie sollen Erbkrankheiten, die auf Gendefekte zurückzuführen sind, überwunden werden können. Glaubt man den mitunter euphorisch klingenden Versprechungen, so gibt es bald nur noch gesunde, schöne und kluge Menschen. Krankheiten und Behinderungen können vielfach schon jetzt, lange vor der Geburt (pränatal) diagnostiziert werden. Doch was dann?
Folgender Leserbrief wurde am 10. Oktober 2000 an die FAZ geschrieben:
Eingeschränkt und zugleich bereichert
Im November 1999 starb unsere Tochter Clara sechs Tage vor ihrem zweiten Geburtstag. Clara hatte ein Down-Syndrom und starb an den Folgen eines schweren Herzfehlers. Wir wussten vor ihrer Geburt nichts von ihrer Behinderung. Es war in der ersten Zeit nach ihrer Geburt nicht einfach, die Diagnose zu akzeptieren, es war aber zu keinem Zeitpunkt eine Tragödie, weder für uns Eltern noch für Claras Schwester. Eine viel größere Tragödie als ihr Tod war die Geburt unserer behinderten Tochter aber für viele Verwandte, Freunde und Bekannte. (...) Wir liebten unsere Tochter vom ersten Augenblick ihres Daseins an. Der Kampf gegen Unwissenheit, Dummheit und Überheblichkeit hat diese Liebe immer stärker werden lassen. Aber wie sollten wir unser Glück mit Clara, unsere Trauer um unser Kind einer Gesellschaft erklären, die nicht glaubt, dass erblich behinderte Föten die gleichen existentiellen Rechte haben wie jene, denen ein gesundes und produktives Leben gegeben ist? An welchen Erfolgen kann ein lebenswertes Leben gemessen werden? Welche Eltern geben sich tatsächlich der Illusion hin, dass mit der Geburt eines nicht behinderten, gesunden Kindes die Garantie für ein Leben ohne Leid gegeben wäre? Und wer weiß um das Leid, das die Entscheidung für eine Abtreibung mit sich bringen kann? Wer weiß genug über Behinderungen und das Leben mit behinderten Menschen, um sich tatsächlich verantwortlich zu entscheiden?
Mit der Geburt unserer Tochter nahm unser Schicksal keine schlechte Wendung, es nahm eine andere als geplant. Claras Geburt hat unser Leben eingeschränkt, aber das Leben mit ihr hat uns unendlich bereichert. Und sie hat uns gezeigt, dass sie gern gelebt hat, trotz Schmerzen, trotz häufiger Krankheiten. Die größte Tragödie unseres Lebens ist wie für alle Eltern die ein Kind verloren haben ihr Tod. Aber wer soll uns das noch glauben?
Jutta Harbauer, Crailsheim
Was kann die vorgeburtliche Diagnostik (Pränataldiagnostik) wirklich leisten? Wie sicher sind die Ergebnisse? Wie heikel sind solche vorgeburtlichen Diagnoseverfahren? Gibt es ein Recht auf Nichtwissen oder ein Recht auf ein gesundes Kind? Sorgen tauchen auf, Sorgen vor einer erneuten Eugenik, Sorgen vor Diskriminierung von Behinderten und deren Eltern.
Auf solche und andere Fragen wollen wir am 17. März um 15.00 Uhr im Katharina-von-Bora-Haus in Nievenheim eine Antwort suchen. Als kompetente Referenten haben wir Herrn Prof. Dr. Schulz von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gewonnen. Er ist Biochemiker und arbeitet in der molekulargenetischen Krebsforschung.
Die ethischen Fragen wird Herr Dr. Phil. Harry Kunz, Diplompsychologe und Journalist, beleuchten. Nach den Referaten wird ausreichend Gelegenheit sein, um in Diskussionsrunden auf eigene Fragen Antworten zu bekommen.
Der Besuch dieser Veranstaltung, die bis ca. 18.00 Uhr dauern wird, ist kostenlos.