Ev. Kirchengemeinde Norf-Nievenheim

Gemeindebrief "brücken bauen"

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September / Oktober 2003

Titelthema
Serie: Glaubensbekenntnis
Presbyterwahl 2004
Projekte in Mosambik
Nacht Matthes
Serie: Kirchenlieder
In letzter Minute...
Für junge Leute
Ich wasche mich nicht Kirchentag
Nacht der Sinne
Chorausflug
Gemeindeausflug
Türgriffe für Friedenskirche
Gerechter Handel

Nacht Matthes

Wer da anklopft, dem wird aufgetan

Mein Vater war ein lustiger Mensch. Wenn er ein paar Bier getrunken hatte, war er ganz besonders lustig. Jeden Sonntag machte er sein Frühschoppen im "Jägerheim". Wir Kinder sollten in den Gottesdienst gehen. (Ich gestehe, meine Schwester und ich gingen nicht in den Gottesdienst, sondern versetzten das Geld, das uns unsere Eltern für den Klingelbeutel mitgegeben hatten, lieber im Kino. Das lag ja auch nahe, da die Kinovorstellung zur gleichen Zeit begann wie der Gottesdienst und die Kirche zufällig neben dem Kino lag.) Meine Mutter machte währenddessen den Sonntagsbraten. Eines Tages begab es sich, dass meine Mutter mich - nachdem ich aus dem Kino, äähhhh aus dem Gottesdienst kam - ins Jägerheim schickte um meinen Vater abzuholen.

Nach einer Stunde konnte ich Vater überreden mitzukommen und wir machten uns endlich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen klingelten wir. Niemand öffnete. Da wir viel zu spät waren, vermuteten wir, dass der Rest der Familie bereits gegessen hatte und anschließend spazieren gegangen waren. Vater sagte: "Nacht Matthes, nu' iss kinne mie zu Huus. Apropos Matthes, da fällt mich minne Konfomationsspruch inn." Er klopfte an die Tür und fuhr in glasklarem Hochdeutsch fort: "Wer klopfet, dem wird aufgetan. Wer suchet, der findet. Der Schlüssel liegt unter der Matte. Matthes vier Vers acht.". Natürlich lag kein Schlüssel unter der Matte und natürlich war die Passage mit dem Schlüssel nicht aus der Bibel. Mein Vater benutzte diesen Spruch aber auch später noch zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit so häufig, und mir gefiel das Zitat mit der Matte und dem Matthes so gut, dass mir diese Worte noch lange in Erinnerung blieben.

Als dann meine Konfirmation im Mai 1975 anstand und ich mir einen Bibelspruch aussuchen sollte, den ich zu meinem Konfirmationsspruch machen sollte, war meine Entscheidung natürlich klar: Matthäus 4,8 musste es sein. Erstens weil ich den Spruch so gut fand, zweitens weil er gut zu merken ist und drittens fand ich es irgendwie gut, wenn ich den gleichen Konfirmationsspruch wie mein Vater haben würde, zumal wir beide in der Reformationskirche, Hilden, konfirmiert werden würden. Vielleicht könnte ja auch eine Tradition daraus werden und meine Kinder würden später den gleichen Spruch wählen und in der gleichen Kirche konfirmiert werden. Aber - welch Überraschung - in "Matthes" 4,8 steht etwas ganz anderes. Eine Nachfrage bei Pfarrer Steinhoff brachte Klarheit. Der Spruch steht in Matthäus 7,8 und nicht Matthäus 4,8. Er lautet richtig: "Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.". Irgendwie hatte mein Vater wohl die Nummerierung durcheinander gebracht.

Zwei Jahre nach meiner Konfirmation verstarb mein Vater. Ich erbte unter anderem auch die Bibel, die er zu seiner Konfirmation am Palmsonntag, dem 17. März 1940 geschenkt bekommen hatte. Da erwartete mich dann die nächste Überraschung. In seiner Bibel war nämlich sein Konfirmationsspruch von Pfarrer Erhard Mueller auf der ersten Seite niedergeschrieben worden. Und da sah ich dann, dass der Konfirmationsspruch meines Vaters weder in "Matthes" 4,8 noch in 7,8 steht sondern in Johannes 14,6: "Jesus Christus spricht: 'Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.'".

Nun habe ich also doch einen anderen Konfirmationsspruch als mein Vater. Außerdem wohne ich jetzt in Norf und nicht mehr in Hilden, sodass meine Kinder nicht in der Reformationskirche konfirmiert werden. Eine Tradition konnte somit nicht begründet werden. Aber was soll's, es ist sicherlich ganz gut so, dass jede Generation ihre eigenen Erfahrungen mit dem Glauben, der Bibel und der Kirche macht.

Seit meiner Konfirmation sind mittlerweile fast 28 Jahre vergangen. Ich gehe mit meinen zwei Töchtern zum Familiengottesdienst und es dauert jetzt nur noch ungefähr sechs Jahre und die beiden müssen sich ebenfalls einen Konfirmationsspruch aussuchen. Wie wäre es mit "Matthes" 4,8, oder doch 7,8? Mal sehen welchen sie wählen werden.

P.S.: Zum Glück gibt es in Norf kein Kino neben der Kirche.

© Peter Fuchs im April 2003